Langlebigkeit als fehlender Faktor in der Gebäudeökobilanzierung
Wie nachhaltig ein Gebäude tatsächlich ist, entscheidet sich nicht allein bei der Herstellung der Baustoffe. Ebenso relevant ist die Frage, wie lange ein Gebäude genutzt werden kann, bevor größere Sanierungen oder ein Gebäudeabriss erforderlich werden. Genau an diesem Punkt setzt eine neue Studie des Beratungs- und Forschungsunternehmens INTEP an, die im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Ziegelindustrie erstellt wurde.
Die Untersuchung beschäftigt sich mit einem bislang nur unzureichend berücksichtigten Aspekt der Gebäudeökobilanzierung: der tatsächlichen Lebensdauer von langlebigen Baustoffen und Baukonstruktionen. Ziel der Studie war es, einen methodischen Ansatz zu entwickeln, mit dem sich die Langlebigkeit von Baustoffen norm- und QNG-konform in die ökologische Bewertung von Gebäuden integrieren lässt.
Warum die Nutzungsdauer bei der Ökobilanz entscheidend ist
Die ökologische Bewertung von Gebäuden erfolgt derzeit in vielen Regelwerken auf Basis eines Betrachtungszeitraums von 50 Jahren. Diese Vorgabe orientiert sich unter anderem an europäischen Rahmenbedingungen und bildet heute den Standard in zahlreichen Bilanzierungssystemen. In der Realität werden viele Gebäude jedoch deutlich länger genutzt. Gerade massive Bauweisen erreichen häufig Nutzungsdauern von weit über 100 Jahren. Damit verteilt sich auch der ökologische Erst-Aufwand aus Herstellung, Transport und Errichtung auf einen wesentlich längeren Zeitraum.
Die zentrale Fragestellung der Studie lautet deshalb: Wie können langlebige Baustoffe in der Gebäudeökobilanz sachgerecht berücksichtigt werden, ohne bestehende Normen und Bewertungssysteme zu konterkarieren?
Ziel der Studie: Ein methodischer Vorschlag für einen „Langlebigkeitsbonus“
Vor diesem Hintergrund entwickelte INTEP einen Vorschlag für einen sogenannten „Langlebigkeitsbonus“. Gemeint ist damit kein pauschaler Vorteil für einzelne Baustoffe, sondern eine zusätzliche methodische Betrachtung innerhalb der Gebäudeökobilanz. Die Studie verfolgt damit das Ziel, die tatsächliche Dauerhaftigkeit von Gebäuden stärker in die ökologische Gesamtbewertung einzubeziehen.
Der entwickelte Drei-Stufen-Ansatz
Um eine Anrechnung der Langlebigkeit nachvollziehbar und belastbar zu gestalten, entwickelte INTEP ein dreistufiges Verfahren.
1. Relevanz des Baustoffs
Zunächst muss der betrachtete Baustoff eine technische Nutzungsdauer besitzen, die deutlich über dem heutigen Bilanzierungszeitraum von 50 Jahren liegt. Gleichzeitig muss er eine wesentliche Bedeutung für die Gebäudekonstruktion haben und sich verlängernd auf den Gebäudelebenszyklus auswirken. Für Ziegel wird in den Branchen-EPDs eine technische Nutzungsdauer von 150 Jahren ausgewiesen.
2. Öffnungsklausel – Nachweis der Langlebigkeit
Die verlängerte Nutzungsdauer muss anschließend wissenschaftlich und statistisch belegbar sein. Für Ziegel erfolgt dieser Nachweis über die Umweltproduktdeklarationen der Branche sowie zusätzlich über eine statistische Auswertung des deutschen Gebäudebestands durch das FIW. Diese Untersuchung analysiert den Anteil von Ziegelgebäuden in verschiedenen Baualtersklassen und zeigt die langfristige Nutzung entsprechender Gebäude.
3. Berechnung eines projektspezifischen Korrekturfaktors
Sind die ersten beiden Voraussetzungen erfüllt, wird zusätzlich zur üblichen 50-Jahres-Bilanz ein weiteres Szenario mit einer Nutzungsdauer von 150 Jahren berechnet. Aus dem Verhältnis beider Ergebnisse wird anschließend ein projektspezifischer Korrekturfaktor ermittelt, mit dem der ursprüngliche Ökobilanzwert angepasst werden kann.
Fallbeispiel zeigt konkrete Auswirkungen auf die Ökobilanz
Die Anwendbarkeit des entwickelten Verfahrens wurde im letzten Schritt anhand eines konkreten Gebäudebeispiels überprüft. Dabei ergab sich ein Korrekturfaktor von 0,919. Der gebäudebezogene GWP-Wert reduzierte sich dadurch von ursprünglich 22,43 auf 20,60 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter Nettoraumfläche und Jahr. Das entspricht einer rechnerischen Verbesserung von rund 8,1 Prozent. Die Studie zeigt damit, dass die Berücksichtigung langer Nutzungsdauern einen messbaren Einfluss auf die Ergebnisse der Gebäudeökobilanz haben kann.
Beitrag zur Weiterentwicklung der Gebäudeökobilanzierung
Die Studie versteht sich ausdrücklich als fachlicher Beitrag zur Weiterentwicklung bestehender Bilanzierungsmethoden. Ziel ist nicht die Sonderbehandlung einzelner Baustoffe, sondern eine realitätsnähere Betrachtung des gesamten Gebäudelebenszyklus. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und langfristig nutzbare Gebäude gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Dauerhaftigkeit künftig stärker in Nachhaltigkeitsbewertungen integriert werden kann.
Der vollständige Endbericht der Studie steht im Download-Bereich auf unserer Webseite zur Verfügung.







